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CINE Entrevista Christian Frei - Michaël Tuil

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Christian Frei: «Eine Nation lebt, wenn ihre Kultur überlebt»

— Michaël Tuil © PuntoLatino —
Christian Frei (1959 Suiza), presenta en el Festival de Locarno 2010, «Space Tourists», su cuarto largometraje. En 1997 presentó su documental «Ricardo, Miriam y Fidel», el retrato de una familia cubana frente al dilema de los ideales revolucionarios y el sueño de la emigración a EEUU. Nuestro redactor Michaël Tuil, entrevista a Christian Frei sobre su largometraje «The Giant Buddhas» (2005), un viaje espectacular contra los fundamentalismos y contra la ignorancia.



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Christian Frei: „Eine Nation lebt, wenn ihre Kultur überlebt“


— Michaël Tuil © PuntoLatino —



Nach seinem weltweit erfolgreichen und für einen Oscar nominierten Dokumentarfilm „War Photographer“ legt Christian Frei ein neues Meisterwerk vor. „The Giant Buddhas“ ist eine spannende Reise um den Menschen herum; eine Reise gegen den Fundamentalismus, gegen die Ignoranz. Der schweizerische Regisseur stellt uns diesen Film vor und spricht über seine Sicht des Konflikts zwischen Abendland und Islam sowie von seinem zukünftigen Projekt


MT: Herr Frei, ihre neue Dokumentation „The Giant Buddhas“ über die Zerstörung der riesigen Statuen im Bamiyantal 2001 ist kürzlich erschienen. Was ist ihr Gefühl über diesen Akt der Taliban?

Frei: Natürlich ist es ein Akt der Ignoranz, wenn man einer wehrlosen Statue den Kopf abschlägt. Schon vor der Sprengung war ich auf diese Region der Welt aufmerksam geworden. In Afghanistan wurden nämlich die Hindus von einem Edikt der Taliban verpflichtet, einen Stern auf dem Arm wie die Juden bei den Nazis zu tragen. Die Zerstörung der Statuen im Bamiyantal hat mich dann sehr getroffen. Ich wollte etwas über den Konflikt beitragen und daraus ist der Film hervorgegangen.

MT: Ist der Film denn Ihre Antwort auf die Ignoranz?
Frei: Die Antwort auf den Fundamentalismus muss differenziert, intelligent und nicht selbst arrogant und ignorant sein Ich wollte nicht einfach einmal mehr auf die Taliban eindreschen, sondern die Komplexität dieser Zerstörung beleuchten.

MT: Warum dann ein Dokumentarfilm?
Frei: In meinen Augen ist diese Art Film ein sehr gutes Gegenmittel zum Fundamentalismus. Damit ist es möglich einerseits den geschichtlichen Kontext zu zeigen und andererseits Differenziertheit zu schaffen. Es gibt heute in der Welt nicht nur ein Wertesystem, sondern verschiedene, die man berück-sichtigen soll.

MT: Müssen diese Werteunterschiede immer zum Konflikt führen?
Frei: Man muss einfach lernen, damit zu leben, dass nicht alle Menschen das gleiche Grundkonzept des Lebens haben, wie es beispielsweise in der Polemik über das Kopftuch herauskommt. Von der Welt haben alle eine andere Sicht. Jedoch ist es auch notwendig, dass wir uns über Grundsätze, auf einen Grundkonsens, einigen.

MT: Welches ist Ihr Gefühl gegenüber dem Mullah Omar, der die Sprengung befohlen hat?
Frei: Der Mullah Omar hatte sich damals für einen kompletten Schutz des kulturellen Erbes Afghanistans eingesetzt. 2001 ist er von seinem Wort zurückgetreten, was für einen Muslimen sehr heikel ist. Deshalb denke ich, dass Bin-Laden und Al-Quaida hier stark beteiligt waren. Die Sprengung war eine erste Provokation, eine Art Warnschuss vor dem 11. September.

MT: War die Reaktion der USA in Afghanistan ignorant?
Frei: Wenn eine Weltmacht angegriffen wird, setzt sie sich zur Wehr. Soweit ist das verständlich. Ich finde übrigens die USA interessanter und komplexer, als die Europäer oft denken. Allerdings war der Einmarsch in den Irak, die Idee, Fundamentalismus mit Waffen zu bekämpfen, ein kapitaler Irrtum.

MT: Im Film taucht der Mönch Xuanzang, ein merkwürdiger Charakter des 7. Jahrhunderts auf. Ist dieser frühe Dokumentarist ein Vorbild für Sie?
Frei: Der Mönch Xuanzang, der in China ein Mythos ist, spricht mich als Vorbild an. Wie dieser junge Mann trotz dem Verbot des Kaisers in Indien die Wahrheit über den Buddhismus erfahren wollte, reise ich auch auf der Suche der Wahrheit. Xuanzang, der etwa 600 Jahre vor Marco Polo an dem Westen sich umsah, zeigt uns auch, dass das Abendland weder die Welt allein entdeckt hat, noch für alles was in der Welt heute passiert – das Gute, wie das Böse – allein verantwortlich ist.


MT: Wie haben Sie das Gefühl der afghanischen Bevölkerung über die Zerstörung erlebt?
Frei: Da Afghanistan ein multiethnisches Land ist, kann man nicht von nur einer Bevölkerung sprechen. Im Bamiyantal wohnen die Hazara, eine schiitische Minderheit, die heute in Afghanistan furchtbar verachtet wird. Auch wenn die Buddhas für sie keine religiöse Bedeutung hatten, waren sie ein wichtiges Symbol der Region. Man fühlt bei diesen toleranten Menschen eine grosse Distanz zur Ideologie der Taliban.

MT: Interessierten sich die Hazara für Ihre Arbeit?
Frei: Ihr Interesse hat sich sowohl bei den Dreharbeiten gezeigt, wie auch im August 2006, als wir nach Bamiyan zurückgefahren sind. Dank der Unterstützung verschiedener schweizerischer Institutionen haben wir nämlich dann den Film dort vorgeführt, wo die Statuen standen. Ich erwartete 300 Personen – 3000 sind gekommen. Für viele war es das erste Mal überhaupt, dass sie einen Film schauten. Ein riesiges Abenteuer und ein unglaubliches, sehr emotionales Erlebnis für mich.

MT: Was halten Sie von einer Wiederherstellung der Statuen?
Frei: Aktuell gibt es viele Projekte für die Rekonstruktion – unter anderem eins an der ETH Zürich. Ich sehe es als interessanter an, den zerstörten Platz so zu belassen. Stellen Sie sich vor, wenn wir die Kapellbrücke Luzerns nach dem Brand 1993 nicht repariert hätten. Für die Erinnerung braucht man es nicht.

MT: Sind diese Projekte schon weit fort geschritten?
Frei: Da die Statuen nicht hingebracht, sondern aus Stein gemeisselt wurden, stellt es grosse Schwierigkeiten dar, neue Statuen in die Lücken hineinzustellen. Werden die Nischen es stützen? Wird der Fels nicht verwittern? Das sind konkrete Probleme für die Spezialisten.

MT: Im Film sieht man in Kabul ruiniert die Inschrift: „Eine Nation lebt, wenn ihre Kultur überlebt“. Was macht für Sie die Kultur aus?
Frei: Immer wieder bin ich fasziniert, dass es Kultur gibt. Dazu braucht es viel und zunächst eine Ökonomie. Im Bamiyan kamen Artisten vom ganzen Land zusammen, um die mehrere hundert Höhlen zu bemalen. Diese Menschen brachten nicht nur Nahrung sondern auch Infrastruktur und Strassen. Sie brachten Geld. Die Händler haben sie dann finanziell unterstützt. Dank des Kulturerbes fühlten sie sich sicherer auf diesem langen und gefährlichen Weg.

MT: Warum braucht man die Kultur heute noch so sehr?
Frei: Heute – wie früher – soll die Kultur über den Menschen nachdenken. Sie bietet uns einen Spiegel an, um über uns selbst zu reflektieren. Die Medien sind nicht der einzige Spiegel unserer Gesellschaft, auch die Kultur stellt einen dar, der anders als derjenige der Medien ist. Wenn wir sie verlassen, verlieren wir den Boden unter unseren Füssen.

MT: Die Zerstörung der Statuen stellt dann einen schweren Kulturverlust nicht nur für Afghanistan, sondern für die Welt dar.
Frei: Sicher ist es eine Tragödie. Jedoch muss man aufpassen: Nicht nur wenn Bilder zerstört oder Statuen geköpft werden, kann Kultur verloren werden. Eine Gesellschaft von reinem Konsum stellt ebenso einen Kulturverlust dar. Ich bedauere es hier sehr, dass fast alle TV-Sender nur solche Programme zeigen, die wie Ketchup für die Augen sind. Bei uns gibt es auch ein Problem. Eine Kultur wird nur erhalten, wenn sie tatsächlich lebt.

MT: Im Film kommt seitens des Starreporters von Al-Jazeera, Taysir Alony, der Vorwurf, das Abendland habe auf den Hungertod von Kindern nicht reagiert, wohingegen sie sich für zwei Steinblöcke mobilisieren. Ist in unserer Gesellschaft die Kultur wichtiger als Kinderleben?
Frei: Dieses Argument, das von der Taliban und Al-Quaida vorgebracht wurde, stellt für mich ein unzulässiger Vergleich dar. Für die 7 Milliarden Menschen dieser Welt können wir nicht empathisch sein, auch wenn es die Rolle der Medien ist, eine breitere Empathie zu ermöglichen. Es ist im Gegensatz völlig normal, von der Sprengung hundertjähriger Erbgüter schockiert zu sein. Dieser Vergleich stellt für mich einen falschen Vorwurf dar.

MT: Man könnte Sie mit einem Vulkanologen vergleichen, der den Zusammenprall der Tektonik zwischen Menschen untersucht. Was macht die Konflikte so attraktiv für Sie?
Frei: Dort, wo Platten zusammenstossen, Schwingungen grösser werden und auch Erdbeben auftreten, kommen die Gefühle am stärksten zum Ausdruck, im Guten, wie im Bösen. Schon immer ist es die Rolle der Reflektoren, dort hinzugucken, wo es zum Konflikt kommt. Sonst, wenn alles gut geht und nichts passiert, geniesse ich lieber mit und drehe keinen Film.

MT: Nach der kubanischen Revolution, den Schlachtfeldern mit dem Kriegsreporter und den Buddhas Afghanistans, welcher ist der nächste Konflikte?
Frei: Ich bin nicht nur an Konflikten interessiert. Mein nächstes Projekt realisiere ich in Kasachstan, in Baiqongyr. Dort befindet sich der größte Weltraumbahnhof der Welt. Der Titel ist „Space Tourists“ und es behandelt diese neue, ausserordentliche Form von Tourismus.

MT: Herr Frei, ich bedanke mich vielmals für dieses Gespräch.

Christian Frei zählt heute zu den renommiertesten Dokumentarfilmern. 1959 in Schönenwerd im Kanton Solothurn geboren, studierte er Optische Medien am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Fribourg. 1981 erschaffte er seinen ersten Dokumentarfilm. Seit 1984 arbeitet er als freier Filmemacher und Produzent. Er dreht regelmässig Dokumentarfilme für das Schweizer Fernsehen DRS «DOK». 1997 legte er seinen ersten Kino-Dokumentarfilm vor, «Ricardo, Miriam y Fidel», das Porträt einer kubanischen Familie, die in einem Dilemma zwischen der Erhaltung der Ideale der Revolution und dem Traum nach Emigration in die USA steckt. 2001 zeichnete «War Photographer» das Porträt von James Nachtwey, den er während zwei Jahren auf verschiedenen Schlachtfeldern wie Ruanda, dem Kosovo und Palästina begleitete. Dieser Film wurde für einen Oscar in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» nominiert und gewann zwölf internationale Filmfestivals. «The Giant Buddhas» ist sein dritter Kino-Dokumentarfilm. Er wurde an mehr als 36 Festivals gezeigt und erhielt verschiedene Preise. 2006 zog er in der Schweiz bereits 12'000 Kinozuschauer an.


 

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